„Mich macht dieser Job happy“

Aus der Presse: Deutschlands großes Food-Magazin „essen & trinken“ vom Mai 2016 

FOTOS Achim Multhaupt | TEXT Stephanie Souron

Es dauerte, bis der Deutsch-Amerikaner John Reinhardt sich an der Nordsee zu Hause fühlte. Seine Frau und amerikanisches Gebäck waren dabei eine große Hilfe

Seinen ersten Cookie musste sich John Reinhardt hart erarbeiten. Nach dem Abi war er aus Bremerhaven abgehauen, hatte die deutsche Piefigkeit gegen die amerikanische Leichtigkeit eingetauscht und war nach Sausalito, Kalifornien, geflogen, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu studieren. Das Wetter war herrlich in Sausalito, die Menschen freundlich, aber Reinhardts Möglichkeiten blieben leider begrenzt: Bei seiner Ankunft hatte er 150 Dollar in der Tasche. Als die aufgebraucht waren, musste er arbeiten. Er heuerte als Fensterputzer an, schrubbte jeden Morgen vor der Uni Vitrinen in seinem Viertel. Als er damit fertig war, hatte er einen Bärenhunger. „Jeden Tag habe ich mir zur Belohnung nach der Arbeit in der Bäckerei einen Raisin cookie gekauft“, sagt John Reinhardt und über sein Gesicht legt sich ein zufriedenes Lächeln. Viel zu teuer sei der gewesen, aber er kann sich noch gut an den Geschmack des warmen Rosinenkekses erinnern: mürbe und knusprig, mit saftigen Früchten und einem Hauch Salz. „Göttlich“, erinnert sich Reinhardt und seufzt.

John Reinhardt, 56, breite Schultern, kariertes Holzfällerhemd, steht im „Brownies & Cookies“, seinem Cafe in Bremerhaven, und arbeitet sich durch die zahlreichen Stationen seines Lebens. Der Amerikaner ist mehrmals nach Deutschland ein- und ausgewandert. Es dauert deshalb ein wenig, den Bogen über das große Ganze zu spannen. Aber Reinhardt hat Zeit. Es ist ein verregneter Samstagnachmittag und Reinhardt hat sich ein Feierabendbier geöffnet. Um fünf Uhr war er wach, hat die Cookies, Brownies und Cupcakes, die seine Frau am Vortag gebacken hat, in den Anhänger geladen und ist damit auf den Markt gefahren. Aber der Januar ist kein guter Monat für Marktleute. Reinhardt hat mehr heißen Kaffee und Kakao verkauft als Gebäck. „Das ist das Risiko“, sagt Reinhardt, „trotzdem macht mich dieser Job happy.“ Dass er seit ein paar Jahren zusammen

mit seiner Frau in Bremerhaven ein Cafe besitzt, nennt er eine glückliche Fügung. „Es ist das Ergebnis aus den vielen Puzzleteilen, aus denen mein Leben zusammengesetzt ist“, sagt Reinhardt. Der amerikanische Akzent wärmt seine Sätze.

John Reinhardt ist 1961 in Poughkeepsie im Staat New York geboren. Seine Eltern, waschechte Bremerhavener, hatten zwei Jahre zuvor beschlossen, nach Amerika auszuwandern. Der Vater war Dachdecker, die Mutter jobbte als Bedienung in einem Deli und zog John und seine beiden älteren Geschwister groß. Die Küche der Mittelpunkt des Hauses. „Wir durften schon als Kinder immer beim Kochen und Backen helfen“, erzählt Reinhardt. Die Sehnsucht nach dem platten Land und der rauen See saß seinen Eltern tief in der Seele und das Heimweh wurde immer stärker. Als John zehn Jahre alt war, kehrte die Familie zurück nach Bremerhaven. „Als wir hier ankamen, war alles grau: die Häuser, die Klamotten, die Menschen“, erinnert sich Reinhardt. Oft saß er abends in der kleinen Bremerhavener Wohnung und träumte sich über den großen Teich zurück in sein altes Leben. „Ich wollte nur weg.“ Manchmal buk sein Vater für ihn Brownies, das waren die guten Tage. Aber nach dem Abitur hielt ihn nichts mehr in Deutschland. Es folgten zwölf Jahre, in denen Reinhardt viele Puzzleteile sammelte. Er studierte in Sausalito Internationale Beziehungen, jobbte als Broker, stieg ins Flugzeuggeschäft ein, verkaufte Maschinen, und lernte bei einem Heimatbesuch in Bremerhaven seine Frau Michaela kennen. Die arbeitete damals bei einer Bank und hatte gerade den Weltmeistertitel im Tanzen gewonnen. „Ich war sofort verknallt, aber Michaela hatte keine Zeit für mich“, sagt Reinhardt. Trotzdem beschloss er, nach Bremerhaven zurückzukehren. Er eröffnete ein Restaurant, dann ein Callcenter, und während er darauf wartete, dass Michaela mit dem Tanzen aufhörte, buk er regelmäßig als kleines Dankeschön für seine Geschäftskunden Brownies — nach dem Rezept seines Vater. Langsam fügten sich die Puzzleteile zu einem Bild zusammen. Michaela und er heirateten, bekamen Kinder, 2011 beschlossen sie, ihre Jobs an den Nagel zu hängen und ihr Leben den Brownies und Cookies zu widmen. Zuerst verkauften sie die Kekse nur online, später kamen Marktstand und Cafe dazu. Wenn John Reinhardt seine Geschichte erzählt, merkt man, wie sehr er seine Arbeit mag. Er kann minutenlang vom crunchigen Effekt der Macadamianüsse in einem Cookie schwärmen, die Unterschiede zwischen den Brownies seines Vaters und denen von Michaela erläutern („die von meinem Vater sind noch feuchter, weil er das Mehl löffelweise zugibt“) und glaubhaft versichern, dass er jeden Tag mindestens zwei Cookies und einen Brownie verdrückt. Und zwar nach einem ganz genauen Plan. „Nachmittags esse ich immer einen Walnuss-Brownie mit einem Glas eiskalter Milch“, erklärt Reinhardt. Und morgens zum zweiten Frühstück muss es ein warmer Rosinen-Cookie sein, ein Sausalito. Schließlich hat mit dem alles angefangen.

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Tags: Presse
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