Mit Cookies zurück zu den Wurzeln

Der Deutsch-Amerikaner John Reinhardt bringt ein Stück New York nach Bremerhaven – dort und im Internet verkauft er erfolgreich amerikanisches Gebäck

Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen hat in der Ausgabe Februar 2015 diese Geschichte vom Autor Wolfgang Heumer über uns veröffentlicht:

Mit Cookies zurück zu den Wurzeln

Der Deutsch-Amerikaner John Reinhardt ist der Liebe wegen nach Bremerhaven gezogen. Mit Brownies, Cookies und Cakes hat sich der ehemalige Unternehmensberater in der Heimatstadt seiner Eltern selbstständig gemacht: Eine ungewöhnliche Migrantengeschichte aus dem einst größten Auswandererhafen des Kontinents.

„Bremerhaven? Nein, danke!“ Als John Reinhardt 1971 mit seinen Eltern aus den USA in deren Geburtsstadt umzog, stand sein Urteil sofort fest. Damals war Reinhardt zehn Jahre alt, mit 20 – gleich nach dem Abitur – zog es ihn zurück in die Staaten.

Mittlerweile ist der inzwischen 53-Jährige schon zwei Jahrzehnte wieder zurück in der Seestadt. Jetzt liebt er sie, nicht nur weil er seine Frau hier kennengelernt hat: „Der Wandel ist beeindruckend.“ Das gilt auch für sein eigenes Leben: Vor etwa drei Jahren hat der frühere Unternehmensberater und Manager sich eine neue Existenz aufgebaut, die ihm das Leben versüßt. John Reinhardt verkauft in einem winzig kleinen Geschäft sowie übers Internet typisch amerikanisches Gebäck. „Ein bisschen alte Heimat nimmt jeder Auswanderer mit“, schmunzelt er.

Einst war Bremerhaven die größte Auswandererstadt des Kontinents. Seit Mitte des 19. Jahr-hunderts verließen mehr als sieben Millionen Menschen über den Hafen die Alte Welt, um vor allem in Amerika „Fame, Fortune and Sweet Liberty“ (Ruhm, Glück und süße Freiheit) zu finden. Reinhardts Lebensweg und Migrationsgeschichte passt perfekt dazu – erzählt sie doch von dem Hin-und-Hergerissen-sein, das Migranten häufig empfinden und von den Zufällen, die am Ende zu einem neuen Glück führen können. „Wenn mir früher jemand erzählt hätte, dass ich in Bremerhaven Kekse verkaufe, hätte ich nur gelacht“, meint der einst bekennende Workaholic.

„Im Herzen immer Bremerhavener“

Bremerhaven ist für den in der Nähe von New York geborenen John Reinhardt nicht irgendeine Stadt in Europa. Seine Eltern stammen von hier. 1959 verließen sie den damals noch beschaulichen Stadtteil Alt-Lehe. Reinhardts Vater war Dachdecker; im Hudson Valley im Bundestaat New York erlebte er mit seiner Familie den typischen amerikanischen Traum, schuf mit der eigenen Hände Arbeit eine Form von Wohlstand, den er im Nachkriegsdeutschland möglicherweise nie erreicht hätte. „Dennoch sind die beiden in ihrem Herzen immer Bremerhavener geblieben und 1971 zurückgekehrt“, erzählt John Reinhardt.

Die zehn gemeinsamen Jahre in der Seestadt prägten den jungen John Reinhardt stärker, als er nach den ersten traumatischen Eindrücken vermutet hätte. Das merkte er aber erst nach seinem Studium in San Francisco und einigen Berufsjahren als Marketing-Experte in den USA: „Irgendwann fehlten mir die Wochenmärkte, der Geruch von frischen Lebensmitteln, diese besondere Atmosphäre, die es nur in Europa und vor allem nur in Deutschland gibt.“ Auch deshalb kehrte er 1993 erneut – dieses Mal aus freien Stücken – in das Heimatland seiner Eltern zurück.

Lebenswege von Migranten verlaufen selten gradlinig

Zweimal USA-Europa und wieder zurück – die Lebenswege von Migranten verlaufen selten gradlinig. Auch John Reinhardt absolvierte in der neuen alten Heimat einige Kurven, lebte im Norden wie im Süden, verkaufte Flugzeugteile genauso wie Computerprogramme. „Ich hab mir die Hörner abgestoßen“, blickt Reinhardt auf eine bewegte und erfolgreiche Zeit zurück. Anders als bei vielen anderen Auswanderern wurde sein Schicksal nicht durch wirtschaftliche oder politische Not auf die Zielgeraden geschickt, sondern durch die Liebe: „In Bremerhaven habe ich meine Frau kennengelernt. So bin ich hier sesshaft geworden“, erzählt er.

Typisch für die Lebenswege von Migranten ist auch, dass John Reinhardt jetzt in Bremerhaven amerikanische Kekse und Kuchen verkauft – gerade weil es zumindest auf den ersten Blick nicht zum Bild des einstigen Managers passt. „Tatsächlich sind Lebensmittel aber immer ein ganz wichtiger Teil meines Lebens gewesen“, sagt der 53-Jährige. „Im Grunde meines Herzens wollte ich immer Kaufmann werden.“

Kleines Stück New York in Bremerhaven

Mit seinem Geschäft „Brownies & Cookies“ hat Reinhardt gemeinsam mit seiner Frau Michaela und den beiden Söhnen diesen Traum verwirklicht. Das Geschäft in einer Seitenstraße der Bremerhavener Innenstadt ist klein. Dennoch herrscht hier reger Betrieb. Der Laden hat den Charme eines „Deli“, jener kleinen Lebensmittelgeschäfte, mit denen vornehmlich deutsche Migranten in den USA ein neues Glück und zumeist auch bescheidenen Wohlstand fanden. Eine kleine Kühltheke mit Cup Cakes, ein Regal voller Cookies und Brownies, dazu Coffee to go – ein paar original amerikanische Blech-Werbeschilder und unübersehbar die Nationalflagge „Stars and Stripes“ runden das Bild ab. „Natürlich kommen die Kunden wegen unserer Produkte, aber sie kommen auch wegen der Atmosphäre hier“, ist Reinhardt überzeugt. Er bietet ein kleines Stück New York mitten in Bremerhaven.

Das Geschäft mit den amerikanischen Backwaren hat klein angefangen. „Die ersten Cookies haben wir noch zuhause in der eigenen Küche gebacken“, sagt Reinhardt. Verkauft wurden sie auf den Wochenmärkten in der Stadt. „Ich liebe diese Märkte, sie sind so typisch für Deutschland.“ Als das Geschäft anzog, half der Zufall Familie Reinhardt weiter, die in einem Dorf am Stadtrand Bremerhavens wohnt: „Unser Nachbar ist Bäcker, wir haben tagsüber seine Backstube gemietet, die er nur nachts braucht.“

Mittlerweile liefert John Reinhardt seine Produkte bundesweit aus; gerade hat ein Frankfurter Finanzhaus 400 Kilogramm Kekse als Geschenke für Kunden bestellt. Möglich ist der Erfolg letztlich nur, weil die ganze Familie mitzieht. „Auch für meine Söhne ist es selbstverständlich, dass sie nach der Schule mit anpacken.“ Der Lohn der Mühe zahlt sich jedoch nicht allein im wirtschaftlichen Erfolg aus. „Ich habe an Lebensqualität gewonnen“, sagt Reinhardt. Deswegen ist er auch überzeugt, dass er in seinem heutigen Zuhause, trotz des verschlungenen Weges dorthin, Wurzeln geschlagen hat. „Heimat ist dort, wo dein Herz ist“, sagt er. Und als gebürtiger Amerikaner wiederholt er es auf Englisch: „Home is, where your heart is“.

 

Tags: Presse
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